Im Zeichen des

 

 

Schwarzen Greifen

 

 

 

 

Der Ursprung einer dunklen Legende

 

 

 

 

 

 

Ich weiß nicht mehr, wann ich zum ersten Mal von dem Schwarzen Greifen hörte. Er war eigentlich schon immer eine bekannte Gestalt der Erzählungen. Die einen hassten ihn und die anderen liebten ihn und das hatte sicher jeweils seine guten Gründe. Der Schwarze Greif war bereits in meiner frühen Kindheit eine Legende und eine Sagengestalt. Ich erinnere mich allerdings noch ganz genau daran, wann mir zum ersten Mal bewusst wurde, dass der Schwarze Greif leibhaftig und nach wie vor existierte. Und natürlich erinnere ich mich daran, als ich ihm dann auch persönlich wirklich begegnete. Denn das war, zumindest im Nachhinein betrachtet, wohl zugleich der Beginn der schrecklichsten und schönsten Ereignisse in mei­nem Leben.

Ich war ein Waisenkind, aber ich wuchs wohl behütet und gut versorgt bei den fahrenden Spielleuten von Kamarah auf. Meine Eltern sind ebenfalls Spielleute gewesen. Ich kann mich jedoch nicht mehr an sie erinnern, da sie kurz nach meiner Ge­burt bei einem Überfall auf den Wagenzug getötet wurden, wie man mir Jahre später erzählte. Sie wurden zu Opfern, weil ihr Wagen als letzter des Zuges ein paar Dutzend Meter auf der Straße zurückgeblieben war. Es waren primitive Strauchdiebe, die vermutlich selbst zu verhungern drohten und deshalb ihrem gewaltsamen und bei Gelegenheit eben auch mörderischen Handwerk nachgingen. Ich weiß bis heute nicht, ob der Mord an meinen Eltern eher ein tragischer Unfall war, vielleicht weil sie Gegenwehr leisteten oder die Räuber die Verfolgung fürch­teten, oder ob die drei Täter aus reiner sadistischer Mordlust oder einfach aus Gewohnheit so vorgingen. Vielleicht waren sie auch verärgert, als sie feststellten, dass bei meinen Eltern keine große Beute zu machen war. Ich selbst muss als kleines Kind so ruhig geschlafen haben, dass die Räuber mich in mei­nem Körbchen nicht entdeckten, oder aber sie sahen keinen Grund dafür und verspürten keine Lust danach, einen völlig wehrlosen und ungefährlichen Säugling zu töten. Jedenfalls wurden die unglücklichen Mörder bereits kurz darauf von den anderen Spielleuten in einem nahe gelegenen Waldstück aufge­griffen und an Ort und Stelle mit den Schwertern des Schwert­schluckers, dem Feuer des Feuerspuckers und den Messern des Messerwerfers sehr langsam und äußerst qualvoll zu Tode ge­foltert.

Ich jedoch war nun ein Waise und wurde mal von der einen und mal von der anderen Frau gehütet und versorgt und mal von diesem und mal von jenem der Männer in den verschiede­nen Künsten der Spielleute unterwiesen, je nachdem, wer gera­de Zeit hatte und Muße dazu verspürte. Denn die fahrenden Spielleute von Kamarah waren ein wankelmütiges Völkchen und oftmals wechselte die Besetzung der Truppe sich in Teilen ab, sodass ich niemals langfristige Pflegeeltern mein Eigen nennen konnte und niemals festere oder vertrautere familiäre Bindungen kennen lernte. Zwar trauerte ich manchmal um den Tod meiner Eltern und erlebte eine gewisse Einsamkeit, ande­rerseits fühlte ich mich frei und verstand es als Vorteil, weniger beaufsichtigt oder gebunden zu sein als viele andere Kinder. Somit hatte ich auch keinen ähnlichen Verlust mehr zu befürch­ten, den ich in späteren Jahren bewusst und sicher umso schmerzlicher erlebt hätte.

Als ich vierzehn Jahre alt war, hatte ich vor allem gelernt, verschiedene kleine Nebenrollen in den Theaterstücken und ähnlichen Darbietungen zu übernehmen, welche die Truppe manchmal als Tragödien, Komödien und Historienstücke auf­führte oder als kleinere theatralische oder belustigende Einla­gen in die Zirkusvorstellung einbaute. Denn die Spielleute von Kamarah waren zugleich Zirkus- und Theatertruppe und ver­banden diese Künste oftmals in ihren beliebten Vorstellungen. Für die artistischen Nummern schien ich weniger geeignet, da­für konnte ich etwas spielen und recht passabel singen. Außer­dem musste ich freilich bei vielen der Arbeiten mithelfen, die den alltäglichen Betrieb auf der Reise und an den Spielorten der Truppe ausmachten.

Zu dieser Zeit kamen wir in die Provinzhauptstadt Palmon. Und hier sollte es der Schwarze Greif sein, der uns auf unvor­stellbare Weise die Aufmerksamkeit des Publikums streitig machte.

Wir traten in einem für unsere Verhältnisse recht großen und prachtvollen Saal des städtischen Palastes auf, in welchem uns der örtliche Stadthalter des Großreichs Astralorn und einige Hundert der adligen Stadt- und Provinzoberen sowie die reiche Bürgerschaft die Aufwartung machten. Wir hatten zuvor Gele­genheit erhalten, unter strenger Aufsicht der Wachleute unseren gewohnten Bühnenaufbau zu betreiben und den Saal unseren Bedürfnissen entsprechend einzurichten, sodass die Sitzplätze des Publikums in einem fast geschlossenen Kreis um die Ma­nege und Bühne herum angeordnet waren, von der ersten Reihe zum äußersten Rand der Zuschauerplätze hin aufsteigend, ganz so wie man es aus unserem großen Zirkuszelt oder auch in den Amphietheatern anderer Spielorte kannte.

Der fettleibige Stadthalter von Palmon und einige seiner adligen Getreuen saßen von ihren Wachmännern umgeben an hervorgehobener Stelle in einer besonderen Loge, um ihrer ge­hobenen Stellung gegenüber der übrigen illustren Gesellschaft Ausdruck zu verleihen und damit sie die Vorstellung aus bester Sicht verfolgen konnten.

Unsere Aufführung kam sehr gut an. Wir führten eine fröh­liche Mischung aus kurzen lustigen Stücken und gewagten ar­tistischen Darbietungen auf, die sich bei einem solchen Publi­kum bewährt hatte. Clowns, Narren und andere Spaßmacher, Schwertschlucker und Feuerspucker, Seiltanz, Akrobatik, fan­tastische Sprungartistik und halsbrecherische Trapezkunst hoch über der Bühne unter der Saaldecke, Schlangenbeschwörung und Bauchtanz mit einer exotischen Königskobra und Kunst­reiten auf fünf geschmückten edlen Pferden waren ebenso da­bei wie die in diesen nordischen Breiten besonders seltene und Aufsehen erregende Darbietung des Tierbändigers mit unserem großen weißen Wüstenlöwen. Direktor Vagerant führte routi­niert durch die Vorstellung und die Zuschauer staunten, jubel­ten und applaudierten immer wieder begeistert.

Dann stand nach zweistündiger Vorführung lediglich noch die letzte Nummer als spannender Höhepunkt vor der großen Abschlussparade aus: Smeck, der Messerwerfer, warf seine blitzenden, scharfen Klingen, teils in waghalsigen Verrenkun­gen und schließlich mit verbundenen Augen, auf eine sich ge­schwind drehende Holzscheibe, an der die hübsche junge Ela­nor mit ausgestreckten Armen und Beinen und vorgestreckten prallen Brüsten in ihrem knappen und engen Kostüm befestigt hing. Smeck pfefferte nach einem Trommelwirbel gerade ein paar große und lange Messer unter lautem gespannten und ver­zückten Aufstöhnen der Zuschauer ganz knapp neben Elanors Kopf und Gliedmaßen ins Holz, – als urplötzlich die ganze Be­leuchtung in Saal erlosch!

Es war später Abend, sodass kein Sonnenlicht durch die Fenster eingedrungen wäre, selbst wenn wir deren Vorhänge nicht zuvor zum Zweck der Vorstellung geschlossen und alles zusätzlich mit dunklen Tüchern abgedeckt hätten. Und alle Lampen, Kerzen, Fackeln und anderen Lichter im Saal waren plötzlich wie von Geisterhand ausgelöscht. Laute Rufe des Er­schreckens ertönten im Publikum und das Getrampel der Füße von einigen aufspringenden Zuschauern erklang in der Dunkel­heit. Allerdings konnte man in dem überraschenden Vorkomm­nis durchaus auch einen originellen Teil der Vorstel­lung vermu­ten, sodass es vorerst noch nicht zu panischen Re­aktionen kam, sondern insgesamt eher zu einem gespannten Abwarten, soweit ich dies in der Finsternis wahrnehmen konn­te. Als einige unse­rer Artisten jedoch Fackeln entzündeten und der Direktor im Halbdunkel klargestellte, dass es sich nicht um einen schauri­gen Effekt des Schauspiels handelte, wurde es zu­nehmend wei­ter unruhig. Die Wachleute versuchten unge­schickt, wieder Öl­lampen und weitere Wachsfackeln zu entzün­den, als nach we­nigen Minuten plötzlich wieder mehrere große Lichter angin­gen und den Saal erhellten, die insbesondere auf eine Stelle in der Mitte der Saaldecke gerichtet waren. Damit wurde der wirkliche Charakter des Geschehens offenbart.

In dem Lichtkegel hing der fette Stadthalter von Palmon mit aufgeschlitzter Kehle und grausig aufgerissener Brust kopf­über mit ausgestreckten Armen und Beinen an Seilen und Ket­ten, die aus unserer Ausrüstung stammen mochten, genau in der Mitte unter der Saaldecke über unserem Bühnenkreis. Aus den tiefen Wunden hingen grauenhaft zerfetzte Gedärme und zersplitterte Knochen. Das Blut spritzte in alle Richtungen und benetzte viele der Spielleute und Zuschauer!

Jetzt brachen wildes Geschrei und wütende Panik aus. Die schockierten Menschen liefen durcheinander und schrien ver­zweifelt um Hilfe. Die Wachleute zogen ihre Schwerter und er­hoben ihre Lanzen, um irgendwie die unbekannte Ursache die­ses grauenhaften Vorgangs ausfindig zu machen und zu be­kämpfen oder auch nur, um sich im Zweifel selbst gegen die hereingebrochene böse Macht und die panische Masse zu ver­teidigen. Viele drängten sich an den Ausgängen, um zu fliehen, doch die Tore waren offenbar von außen verschlossen und fest verriegelt worden, sodass die Gefangenen jetzt laut dagegen trommelten und im verzweifelten Anrennen übereinander stol­perten und sich gegenseitig nieder trampelten. Es dauerte ziem­lich lange, bis jemand die Tore des Saales von außen wieder entriegelte und die panische Menge endlich aus diesem bro­delnden Hexenkessel ins Freie entkam.

Die Führung der Wachsoldaten hatte keinerlei Anhalts­punkt, wer diese Schreckenstat vollbracht haben mochte. Die Wachmänner wirkten im Eifer des Gefechts völlig orientie­rungslos und stellten lediglich sicher, dass wir Spielleute nicht fliehen würden. Dies lag uns ohnehin fern, da wir zum einen nicht für die Tat verantwortlich waren und zum anderen nicht hoffen konnten, uns im Falle von Flucht und Verfolgung lange den Soldaten des Reiches entziehen zu können. Den oder die Täter unter den Spielleuten zu vermuten, lag zunächst natürlich nahe und wir mussten selbst ohne erwiesene Schuld befürch­ten, als Sündenböcke vorgeführt und hingerichtet zu werden. Nach einigen Tagen der lästigen Untersuchungen und unliebsa­men Befragungen war unsere Erleichterung dann unvorstellbar groß, als wir alle praktisch ungeschoren davon kamen und un­serer Wege ziehen durften. Der Verdacht gegen uns konnte of­fenbar nicht bestätigt, sondern weitgehend ausgeräumt werden und die zuständigen Hauptleute und Vertreter des Reiches wa­ren zu unserem Glück entweder nicht so korrupt und skrupellos oder sie versprachen sich einfach keinen wesentlichen Vorteil davon, uns ungerechter Weise anzuklagen und abzuschlachten.

Bei der Untersuchung des Leichnams des gewichtigen Statthalters von Palmon jedenfalls wurde neben den anderen grausigen blutigen Wunden auf seiner feisten breiten Stirn ein kleines, aber gut erkennbares, fein gezeichnetes umgedrehtes Pentagramm entdeckt, das mit dünnen tiefen Schnitten einge­ritzt worden war. Der umgekehrte Drudenfuß, der nach unten gerichtete fünfzackige Stern der schwarzen Magie: Das seit langem überall bekannte und gefürchtete Zeichen des Schwar­zen Greifen!

 

 

* * *

 

 

Seit diesem Tag in Palmon also wusste ich, dass die Legenden vom Schwarzen Greifen weitgehend der Wirklichkeit entspra­chen, denn die Entdeckung seines finsteren Symbols konnte, wie schon in so vielen Fällen zuvor, von den Wachleuten nicht sehr lange geheimgehalten werden. Und die Erzählungen und Spekulationen nahmen nicht nur unter den Spielleuten und den anderen, die unmittelbar bei einem seiner mysteriösen Anschlä­ge dabei gewesen waren, freilich kein Ende mehr. Je nach Aus­legung sprach man überall im Königreich von Astralorn und seinen Provinzen von dem gefürchteten Meistermörder oder ei­nem unsichtbaren Dämon und erzählte sich allerlei wild ausge­schmückte Schauergeschichten über den schrecklichen Unbe­kannten.

Direktor Vagerant und einige seiner Spielleute erwogen so­gar, das Herzstück unserer Aufführung in Anlehnung an den Schwarzen Greifen und seine berühmt-berüchtigten Taten zu gestalten. Da seine zahlreichen Opfer, man sprach ihm zu je­ner Zeit den Mord an etwa zwei Dutzend hochrangigen Perso­nen zu , jedoch immer mächtige Vertreter des Reiches oder hoch angesehene reiche Verbündete des Königshauses waren, trug man diese Idee schnell wieder zu Grabe, um nicht Gefahr zu laufen, doch noch wegen des Vorfalls in Palmon oder schlicht und einfach wegen Hochverrats belangt zu werden. Die Spielleute von Kamarah wollten nicht, wie so viele Un­glückliche und zumeist wohl Unschuldige zuvor, auf den Scheiterhaufen oder an den Richtkreuzen des Großreiches qualvoll enden, mit welchen die Königin und ihre schwarzen Wächtergarden jeden Anschein von Widerstand im Keim zu er­sticken pflegten.

Nur vereinzelte Narren und Puppenspieler riskierten gele­gentlich, sich dieses Themas vor geeignetem Publikum anzu­nehmen, also insbesondere vor der bitterarmen und geschunde­nen Bevölkerung, die in den Taten des Schwarzen Greifen nicht nur makabere Abenteuergeschichten sah, sondern die in ihm geradezu einen Freiheitskämpfer vermutete, der gegen die durch und durch korrupte und verkommene Herrscherkaste des Hochadels und des Königshauses Widerstand leistete. Aller­dings hatte es niemals ein derartiges Bekenntnis oder andere Hinweise auf die Hintergründe seiner spektakulären Meuchel­morde gegeben. Im Volk konnte man sich insgeheim jedoch schon daran erfreuen, wenn den verhassten Machthabern, die ihre Untertaten grausam unterdrückten und ausbeuteten, einmal ihr ansonsten grenzenloser Hochmut und ihre scheinbar ange­borene Unantastbarkeit gehörig angekratzt wurden. Deshalb stilisierten manche den geheimnisvollen Mörder zum gerechten und edlen Freiheitskämpfer hoch, um damit zugleich dem all­gemeinen Unmut gegen die selbstherrlichen Oberen auf hinter­sinnige und spöttische Weise Ausdruck zu verleihen.

Ich will euch, geneigte Leser, jedoch nicht mehr länger auf die Folter spannen, sondern gleich von meiner ersten persönli­chen Begegnung mit dem Schwarzen Greifen erzählen. Diese fand wenige Jahre nach dem blutigen Ereignis in Palmon statt und etwas anderes Aufsehen erregendes oder berichtenswertes habe ich in der Zwischenzeit auch kaum erlebt, lediglich einige neue Nebenrollen in den Tragödien und Komödien der Truppe.

Es war eines Abends in einem verschlafenen kleinen Wirts­haus an der Kreuzung wenig befahrener verstaubter Landstra­ßen neben dem wir unser Lager aufgeschlagen hatten und in dem ich mit einigen der Spielleute bei Bier und Kartenspiel zu­sammen saß. Gerade als die Dunkelheit angebrochen war, be­trat ein Fremder in schwarzem Umhang die Gaststube. Er be­gab sich erst an die Bar und trank dort wohl etwas, doch er war mir sofort aufgefallen, denn inzwischen war ich mit der Truppe weit herum gekommen und hatte ein gewissen Gespür dafür entwickelt, wenn mir ein ungewöhnlicher Zeitgenosse begeg­nete. Nach kurzer Zeit kam der Mann an unseren Tisch und sprach die Runde an.

Seid gegrüßt!“, sagte er. „Habe ich die Ehre mit den fah­renden Spielleuten von Kamarah?“ Er fragte in freundlichem Ton, der keinen Dialekt erkennen ließ, sondern wie die Sprech­weise des Hochadels klang, die wir für entsprechende Theater­rollen ebenfalls erlernt hatten, die im einfachen Volk sonst aber selten anzutreffen war. Er hatte fein gezeichnete attraktive Ge­sichtszüge, die zugleich adlerhaft kräftig und sympathisch ein­nehmend wirkten.

So ist es, werter Herr!“, sagte Pandalan, der Schauspieler, in etwas ironischem Tonfall, denn die Spielleute sind in ihrer Freizeit lieber unter sich, verhalten sich gegenüber Fremden ironisch distanziert und machen sich gerne über diese lustig. „Mit wem haben die berühmten Spielleute die Ehre?“

Ich bin Ozdamontraz, der Zauberer, und suche eine An­stellung“, antwortete der Mann unbekümmert.

Du willst der große Ozdamontraz sein?“, fragte Bronn, der Schwertschlucker, ungläubig. „Der Herr vom Schloss der gol­denen Sonne? Ich denke, der residiert seit Jahren am Hofe von Astralorn und gibt nur der Königin und dem Hochadel seine le­gendären Vorstellungen!“

So war es auch“, antwortete der Zauberer, „bis vor Kurz­em. Ich fürchte nur, mir sind in letzter Zeit bei Hofe die origi­nellen Zaubertricks ein wenig ausgegangen. Ich habe mich auf Reisen begeben, um etwas Abstand zu gewinnen und auf neue Ideen für meine Vorstellung zu kommen. Dafür wäre die Wan­derschaft mit eurer Truppe vielleicht nicht das Schlechteste.“

Für unser erlesenes Publikum“, meinte Pandalan, „dürften deine Fähigkeiten gerade eben noch ausreichen.“

Jedenfalls wenn die Berichte über deine viel gepriesenen Kunstfertigkeiten auch nur im Entferntesten der Wahrheit ent­sprechen“, fügte Bronn misstrauisch hinzu.

Wir gastieren fast nur noch in kleinen Provinznestern“, er­klärte der alte Clown Potts resigniert, „und leben mehr schlecht als recht von der Hand in den Mund. Zum leben zu wenig und zum sterben zu viel. In diesen Zeiten schätzt man unsere For­men der Kunst gering. Die Leute können sich den Eintritt kaum leisten oder haben sich mit ganz anderen Dingen herumzu­schlagen, sodass ihnen selten der Sinn nach leichter Unterhal­tung steht.“

Da käme deine Unterstützung gerade recht“, sagte Bronn zu dem Zauberer. „Aber zahlen kann dir Direktor Vagerant nicht viel.“

An diesen sollte ich mich wohl wenden“, sagte Ozdamon­traz. „Wenn ich mich recht erinnere, dann hat er vor ein paar Jahren sogar einmal meiner Vorstellung beigewohnt und wir haben uns hinterher freundlich unterhalten. Ich hoffe, er ist mir noch wohlgesinnt.“

Tatros“, wandte sich Pandalan an mich. „Willst du unse­rem großen Zauberer nicht zeigen, wo er Vagerant findet?“

Nur zu gerne“, antwortete ich, legte die Spielkarten beisei­te, ließ meinen halb vollen Bierkrug stehen und erhob mich.

Wir hatten lange Jahre keinen Zauberer in der Truppe“, bemerkte der Schauspieler belustigt und klopfte mir auf die Schulter. „Vielleicht kannst du von diesem hier etwas lernen, Junge, und wir erblicken bald ungeahnte Fähigkeiten in dir!“

Also brach ich mit Ozdamontraz auf, um ihn hinüber zu un­serem Lager zu führen. Er wollte jedoch noch sein Pferd holen, das vor dem Gasthaus stand, und ich wunderte mich etwas, dass ein berühmter Zauberkünstler lediglich mit einem Rappen mit zwei Satteltaschen reiste und keinen Wagen mit einer um­fangreicheren Ausrüstung bei sich führte. Bald waren wir ohne viele weitere Worte beim Wagen des Direktors angelangt.

Vielen Dank“, sagte der Zauberer, klopfte an die Wagentür und wurde sogleich von Vagerant eingelassen. Als der Direktor seinen Gast erkannte und sein Anliegen erfuhr, war er sogleich begeistert und wies mich an, das Pferd unseres neuen Zaube­rers zu versorgen. Ich brachte den mächtigen schwarzen Hengst in seine Unterkunft zu unseren Pferden und nahm ihm den Sat­tel und die Satteltaschen ab. Dabei konnte ich der Neugier nicht ganz widerstehen und wollte einen kurzen Blick in das Gepäck werfen, doch die Ledertaschen waren fest verschlos­sen. Ich brauchte jedoch gar nicht mehr lange warten, bis ich einige Geheimnisse des Fremden erfuhr, die ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt hätte.

Wir waren wieder unterwegs und hatten inzwischen schon einige Vorstellungen mit Ozdamontraz in der Tat unglaublichen Zauberkünsten aufgewertet. Ich wurde tatsächlich sein Assis­tent und half ihm bei der technischen Vorbereitung einiger Kunststücke und beim Bau ungewöhnlicher Gerätschaften, die er dazu verwendete. Obwohl ich damit eigentlich die besten Voraussetzungen hätte haben müssen, gelang es mir dennoch niemals, einen seiner Zaubertricks vollständig zu durchschau­en. Lediglich wenn er mir den einen oder anderen leichteren und weniger Aufsehen erregenden Trick erklärte, konnte ich diesen verstehen und selbst nachzuahmen versuchen.

Meistens steckt eine ganz einfache Idee hinter einem über­aus faszinierenden und scheinbar unerklärlichen Zauberkunst­stück“, erklärte mir Ozdamontraz. „Du musst nur die Aufmerk­samkeit der Zuschauer gezielt zu lenken verstehen. Das ent­scheidende ist die Illusion, die du beim Publikum erzeugst und die schließlich die Überraschung und Verzauberung bewirkt.“

Zumeist war es mir selbst bei Kenntnis des Hintergrundes und etwa eines bestimmten technischen Mechanismus völlig unmöglich, den Zaubertrick auch nur ansatzweise richtig aus­zuführen und die magische Illusion zu erzeugen, die meilen­weit über die bloße Ablenkung durch eine leicht bekleidete po­sierende Assistentin hinausging und die das Gelingen eines Kunststücks auf der Bühne im Wesentlichen ausmachte. Den­noch empfand ich mich nicht nur als beliebigen Gehilfen, son­dern als Auserwählten und besonderen Lehrling des Zauberers. Ich wusste, dass es sehr lange dauern würde, auch nur im An­satz eine solche Kunstfertigkeit zu erreichen, wie sie Ozda­montraz zueigen war. Dazu musste man erst einmal sehr lange scheinbar ohne jeglichen Fortschritt üben, bis sich irgendwann vielleicht ein erster kleiner Erfolg einstellte. Ich hoffte deshalb, dass der Zauberer noch möglichst lange bei uns blieb und ich somit Gelegenheit hatte, mehr von ihm zu lernen.

Ein Geheimnis von ganz anderer Art, dass weit über jeden Mechanismus eines Zaubertricks hinausging, sollte ich jedoch schon bald in einer klaren Vollmondnacht erfahren. Ich konnte, wie oftmals in solchen hellen Nächten, nicht gut schlafen und stand irgendwann auf, um draußen etwas herumzulaufen. Da bemerkte ich am Rande meines Blickfelds plötzlich eine dunkle Gestalt, die zwischen unseren Wagen hindurch huschte. Ich dachte erst, dass es sich um eine wilde Katze oder einen streunenden Hund oder vielleicht sogar um einen Wolf handeln mochte, aber als ich genauer hinschaute, erkannte ich die Um­risse eines Menschen. War das vielleicht ein Dieb, der sich des Nachts in unser Lager geschlichen hatte, um uns zu bestehlen? Ich folgte der Gestalt, die mich wohl nicht gesehen hatte, vor­sichtig. Sie begab sich aus dem Lager hinaus und schnellen Schrittes in ein nahe gelegenes Waldstück. Ihr Gang wirkte da­bei seltsam und unmenschlich, zugleich sehr geschmeidig und wie in Trance, sodass er mich erneut an ein Raubtier erinnerte.

Nah einiger Zeit blieb die Gestalt auf einer Lichtung stehen und hob den Kopf, sodass ich ihr Gesicht im Mondlicht endlich genauer sehen konnte: Es war Ozdamontraz, der mit starren, glasigen Augen in die Nacht blickte! Ich versteckte mich hinter einem Baumstamm, denn ich glaubte nicht, dass der Zauberer meine Anwesenheit begrüßt hätte, und wollte nicht, dass er mich entdeckte. Von ihm ging eine seltsame dunkle Energie aus, die ganz anders als die Theatralik und Illusionskraft war, die er bei der Zaubervorstellung auf der Bühne ausstrahlte. Ge­wissermaßen ging diese dunkle Kraft von ihm aus, aber sie schien zugleich aus der Dunkelheit des Waldes und aus der schwarzen Unendlichkeit des Weltalls jenseits des silbernen Mondes in ihn hinein zu fließen und durch ihn hindurch zu strömen, sodass ihre unheimliche Wirkung auch mich erreichte und durch Mark und Bein erzittern ließ.

Bald hörte ich lautes Flügelschlagen und eine andere Ge­stalt näherte sich, schwebte aus dem dunklen Himmel und durch die Bäume auf die Lichtung zu. Ich beobachtete, wie das geflügelte Wesen sich niederließ und langsam auf Ozdamontraz zukam, bis es dicht vor ihm stand. Der Zauberer blickte in das wilde Antlitz eines monströsen Raubvogels, das in seiner selt­samen Form zugleich etwas von einer Schlange und einem Drachen an sich hatte. Der Körper dieses Unwesens war jedoch der eines gewaltigen schwarzen Löwen mit einem langen dün­nen Schwanz, während sich die weiten dunklen Adlerschwin­gen vom Körper abhoben und sich am Ende der vier mächtigen Beine jeweils vier scharfe Adlerkrallen in den Waldbogen gru­ben. Die glatte, geschmeidige Haut des Monstrums war von ei­nem glänzenden Schwarz, wie ich es noch nie zuvor gesehen hatte und das auf unheimliche Weise viel dunkler erschien als die finsterste Mitternacht. Als der Schwarze Greif den Zauberer anfauchte und dabei aus seinem großen krummen Adlerschna­bel eine lange gespaltene Schlangenzunge hervor schnellte, war mir als träfe mich ein dumpfer Schlag am Kopf und ich fiel in Ohnmacht.

Am nächsten Morgen erwachte ich in meinem Bett in unse­rem Wagen, den ich seit einiger Zeit mit Ozdamontraz teilte, und wusste nicht, ob ich geträumt hatte oder in der letzten Nacht wirklich das geschehen war, woran ich mich dunkel zu erinnern glaubte. Der Zauberer, der immer als erster wach war und überhaupt kaum Schlaf zu brauchen schien, schaute kurz darauf gut gelaunt zur Wagentür hinein. Er hatte bereits etwas erledigt und mahnte mich, endlich aufzustehen und meine Pflicht zu tun. Was meine vermeintliche nächtliche Beobach­tung betraf, so ließ er sich nicht das Geringste anmerken und ich hätte ihn niemals danach zu fragen gewagt.

An diesem Tag jedoch gelang mir zum ersten Mal ein rich­tiger Zaubertrick, der bekannte Klassiker „Die verzauberte Tau­be“, bei dem der Vogel erst hinweg und dann wieder herbei gezaubert wird. Ozdamontraz beglückwünschte mich erfreut und sagte, ich könne damit schon bald auf der Bühne auftreten.

 

 

* * *

 

 

Einige Zeit später hatte ich ein kleines Bühnenprogramm aus­gearbeitet und einigen der anderen Spielleute vorgeführt. Di­rektor Vagerant war zufrieden und versprach mir, es bei Gele­genheit in ein zukünftiges Programm einzubauen. Ich wusste allerdings, dass ich niemals mit der Darbietung von Ozdamon­traz konkurrieren konnte und solange er dem Trupp zur Verfü­gung stand, würde ich mit meinen Zaubertricks nicht wirklich zum Zuge kommen. Da wir bald nach Drossel, in die Haupt­stadt von Astralorn, kommen würden, spekulierten jedoch vie­le, dass der große Zauberer uns dann verlassen könnte, um wie­der das luxuriöse Leben bei Hofe zu genießen. Immerhin war er über ein halbes Jahr lang mit uns herumgezogen und hatte vermutlich genug Zeit gehabt, sich von den andersartigen Be­lastungen der Hofgesellschaft zu erholen und einige neue Kunststücke für das anspruchsvollste Publikum zu entwickeln. Er weihte mich jedoch nicht in seine möglichen Pläne diesbe­züglich ein und vermutlich auch keinen anderen.

Wir bauten unser Lager und unser großes Zirkuszelt auf ei­ner freien Wiese vor der Hauptstadt auf, um dort die Bevölke­rung von Drossel und aus den umliegenden Dörfern Abend für Abend anzuziehen und zu unterhalten. Allein Ozdamontraz war es vorbehalten, im Palast von Astralorn vor der Königin und dem Hochadel seine erlesenen Künste darzubieten. Dafür ver­schaffte er Direktor Vagerant und drei weiteren Spielleuten durch einen Mittelsmann Einladungen zu seiner Vorstellung, sodass der Direktor in Begleitung der hübschen jungen Elanor, des Schauspielers Pandalan und meiner Wenigkeit diesem Er­eignis beiwohnen durfte. Wir trugen unsere besten Gewänder und Ozdamontraz hatte uns angewiesen, wie wir uns möglichst würdevoll und zugleich unauffällig unter den Oberen des Groß­reiches zu bewegen hatten. Mich wunderte etwas, dass der Zauberer uns nicht einfach als seine Gehilfen mitnahm, aber offenbar wollte er vor den Höflingen möglichst keine Verbin­dung zu uns erkennen lassen. Zunächst dachte ich, dass er da­mit einen Ansehensverlust vor der Hofgesellschaft durch seine unwürdige Bekanntschaft mit uns vermeiden wollte, doch an­gesichts des weiteren Verlaufs der Dinge mochten seine wahren Gründe etwas anders ausgesehen haben. Der Mittelsmann, ein alter Hofdiener im edlen schwarzen Frack, hatte uns die in Gold gewirkten Einladungskarten zukommen lassen und führte uns im Palast zu unseren Plätzen ganz hinten in einer dunklen Ecke des großen prachtvollen Saales. Einige hundert Angehöri­ge des Hochadels bildeten den Großteil des weiteren Publi­kums.

Bevor die Vorstellung begann, betrat die bildschöne und prunkvoll gekleidete Königin Silviana den Saal, flankiert von zwanzig dunklen Rittern ihrer Furcht erregenden königlichen schwarzen Wächtergarden. Früher einmal soll die Königin beim Volke überaus beliebt gewesen sein, doch vor einiger Zeit hatte sie einen vermeintlichen Aufstand grausam niederschla­gen lassen und hunderte von angeblichen Verrätern und Rebel­len öffentlich auf dem Marktplatz zu Tode foltern lassen. Im Zuge dessen hatte sie auch ihre drei jungen Adoptivsöhne, die Kinder des bei einem feindlichen Anschlag umgekommenen früheren Königspaares und somit die eigentlichen rechtmäßi­gen Thronerben von Astralorn, aus dem Palast und aus dem Reich verbannt. Manche befürchteten, dass sie noch schlimme­res mit ihnen angestellt hatte, denn seitdem hatte man die Jun­gen nicht mehr gesehen und nichts mehr von ihnen gehört. Nun wurden zwar durchaus erfolgreiche Kriegszüge in aller Welt geführt und das Reich um immer mehr Provinzen erweitert, die einfache Bevölkerung litt jedoch unter bitterer Armut und grau­samer Ausbeutung durch den Hochadel. Der Macht der Köni­gin, die selbst eine Zauberin und unter äußerst zwielichtigen Umständen auf den Thron gelangt sein sollte, und ihren unbe­zwingbaren schwarzen Wächtergarden konnte allerdings nie­mand etwas entgegensetzen und somit lebte das Volk insbeson­dere in Drossel und Umgebung in ständiger Angst und litt unter der brutalen Unterdrückung.

Nachdem es bei Silvianas eindrucksvollem Erscheinen im ganzen Saal sofort mucksmäuschenstill geworden war und die Königin in ihrer Loge Platz genommen hatte, begann sogleich die Vorstellung des Zauberers. Dabei schien über ein ehrfürch­tiges Schweigen hinaus eine geradezu eisige und unheils­schwangere Atmosphäre zu herrschen. Diese konnte ich mir kaum mit der Anwesenheit der Königin und der Vorstellung des Ozdamontraz allein erklären. Jeder außer uns Spielleuten schi­en zu ahnen, dass es etwas ganz besonderes und unheimliches mit dieser Veranstaltung auf sich hatte. Der Einzige, der von dieser Stimmung völlig unberührt zu sein schien, war eben un­ser Zauberer Ozdamontraz auf der Bühne. Zunächst führte er routiniert einige der Zaubertricks und Illusionen vor, die mir in­zwischen wohl bekannt waren. Sein elegantes Auftreten, seine humorvollen Ansagen und seine charismatische Mimik und Gestik unterschieden sich nicht wesentlich von allen anderen Auftritten, die ich von ihm in den letzten Monaten gesehen hat­te, außer dass er sich in der Wortwahl und den Formulierungen wohl etwas an die gestelzten Redeweisen und Erwartungen des Hochadels anpasste und wie mir schien, sogar ironisch damit spielte und sich subtil über sein ausersehenes Publikum lustig machte. Von einer besonderen Anspannung oder Angst ange­sichts der unheimlichen Stimmung war jedoch nicht das Ge­ringste bei ihm zu erkennen, obwohl die gewohnten Jubelrufe ganz ausblieben und der Applaus zwischen den einzelnen Nummern zwar recht laut war, aber gleichförmig und wie auto­matisch ausgeführt wirkte, ohne wirkliche gefühlte Begeiste­rung und die übliche Symphatie der Zuschauer.

In jedem Fall konnte ich beim Anblick und beim eitlen Ge­habe der zum Teil eiskalt und versteinert und zum Teil gerade­zu gehässig und offen feindselig dreinblickenden Höflinge nur zu gut verstehen, warum Ozdamontraz damals den Hof zu Drossel verlassen hatte. Doch hinter der Sache musste noch mehr stecken und diese Vermutung sollte sich bald bestätigen.

Nach ungefähr einer halben Stunde kündigte Ozdamontraz einen Höhepunkt seiner Vorstellung an, ein faszinierendes Kunststück, das vielleicht niemand außer ihm auszuführen im­stande war und das jedenfalls niemand in solcher Weise präsen­tieren konnte. Es war eines jener Stücke, bei denen wohl nie­mand außer dem Zauberer selbst wusste, ob es sich um einen genialen Trick oder aber um wirkliche Magie handelte.

Allerhöchste und überaus mächtige Königin“, sagte Ozda­montraz mit ausladenden Armbewegungen und einer langen, tiefen Verbeugung. „Und machtvolle Hochwohlgeborene. Wer­det nun Zeugen einer Zauberei, mit deren Macht ich beliebig über Raum und Zeit gebiete!“

Der Zauberer ging mit dynamischen Schritten an den vor­deren Bühnenrand und führte mit seinen Händen beschwörende Bewegungen aus. Bald erschien ein leuchtender Feuerball zwi­schen seinen Händen. Er ließ den Ball, der in wechselnden hel­len Farben loderte, eine Weile über seinen Handflächen schwe­ben und präsentierte ihn in alle Richtungen dem Publikum. Trotzt der unterkühlten Atmosphäre, konnte die Hofgesell­schaft ein gewisses Erstaunen angesichts dieser zauberischen Erscheinung nicht ganz verbergen. Nun schritt Ozdamontraz an den einen Seitenrand der Bühne, richtete dabei aber seine Hän­de weiterhin auf die leuchtende Kugel, die in der Mitte der Bühne langsam weiter in die Höhe schwebte. Ozdamontraz lüf­tete seinen dunkelblauen spitzen Zaubererhut und auch dieser schwebte ein Stück über der Handfläche empor. Dann war der Hut plötzlich von seinem bisherigen Ort verschwunden und tauchte in der Bühnenmitte wieder auf. Er schwebte eine Zeit lang in der Luft um den glitzernden Feuerball herum, der Hut und die Kugel umkreisten sich gegenseitig, bevor der Hut plötzlich wieder auf dem Kopf seines Besitzers erschien, der die Arme ausbreitete und lächelte. Rhythmischer Applaus er­tönte.

Heute hier, morgen da! Der Feuerzauber macht es wahr!“, rief Ozdamontraz mit beschwörender, lauter Stimme und für den Bruchteil einer Sekunde leuchtete der Feuerball so glei­ßend hell auf, dass alle Zuschauer kurz geblendet wurden. Schon im nächsten Augenblick gab es wieder klare Sicht und der Feuerball schwebte wie gehabt in der Mitte. Ozdamontraz aber stand jetzt ganz am anderen Ende der Bühne und verbeug­te sich dort geheimnisvoll lächelnd. Er war also von der einen Seite urplötzlich auf die andere Seite versetzt worden oder aber hatte die Strecke von etwa zwanzig Metern im Bruchteil einer Sekunde zurückgelegt. Der Zauberer machte eine rasche Hand­bewegung und der schwebende Feuerball erlosch zu Nichts. Erneutes Erstaunen und deutlich stärkerer Applaus des Publi­kums.

Der Beifall verstummte jedoch abrupt, als plötzlich von al­len Seiten schwarze Wächtergardisten auf die Bühne traten und den Zauberer einkreisten. Das Bühnenlicht änderte sich, als die dunklen Ritter ihre großen schwarzen Schilde erhoben. Unter den dunklen Helmen waren in den Schatten unheimliche blei­che Gesichter zu erkennen, aus denen bösartige rote Augen den Zauberer wie glühende Kohlen aus den Untiefen der Flammen­hölle anfunkelten. Ich hatte niemals zuvor eine solche dunkle und bösartige Energie verspürt und mir war klar, das dies keine gewöhnlichen menschlichen Wesen sein konnten.

Mein großer Zauberer!“, erklang jetzt die laute Stimme von Königin Silviana höhnisch und eiskalt durch den Saal. Sie hatte sich in ihrer Loge erhoben und deutete mit bösem Blick und zur Kralle geformten Hand auf Ozdamontraz. „Du hast uns durchaus gut unterhalten und amüsiert. In der Ferne hast du of­fenbar noch etwas dazugelernt. Aber jetzt kommt die Stunde der Wahrheit! Du hättest wohl besser daran getan, mein Reich nie mehr zu betreten. Es wurde bestätigt, dass du ein Hochver­räter bist. Du bist für den schändlichen Mord an dem seligen Königspaar verantwortlich! Dein Todesurteil wird sogleich auf der Bühne vollstreckt. Dann weiß jeder, dass der letzte Auf­ständische vernichtet ist. Und dein Tod soll der ungeahnte Hö­hepunkt deiner Vorstellung sein! Meine Allmacht und den ewi­gen Ruhm von Astralorn kann nichts mehr aufhalten! Wächter­garden, waltet eures Amtes!“

Die dämonischen Ritter zogen ihre stählernen schwarzen Schwerter und richteten sie auf Ozdamontraz. Doch der Zaube­rer erhob beide Hände in abwehrenden Gesten und die dunklen Gardisten konnten ihn nicht erreichen, als würden sie von einer unsichtbaren Wand aufgehalten. Sie starrten abgrundtief böse auf ihr anvisiertes Opfer und mir war, als hätten allein diese schrecklichen Blicke und die bösen schwarzmagischen Energi­en, die von den Wächtern ausgingen, einen Menschen auf der Stelle verbrennen und töten müssen. Aber Ozdamontraz hielt stand. In seiner rechten Hand erschien wie aus dem Nichts ein Zauberstab aus Ebenholz, auf dem wundersame Runen silbern und golden leuchteten. Das Antlitz des Zauberers hatte sich völlig verändert und er starrte dunkel und voller Zorn auf Köni­gin Silviana.

Du bist die Hochverräterin!“, donnerte seine Stimme tief und unheilvoll. „Du hat das Königspaar ermordet und selbst die Macht ergriffen. Ich musste wiederkommen, um alles genauer zu ergründen. Lange hast du alle getäuscht, aber zuletzt hast du doch dein wahres abgrundtief hässliches Gesicht gezeigt, als du verblendet von grenzenlosem Machtwahn und reiner Bosheit viele Unschuldige geschlachtet und sogar die wirklichen Thronerben verflucht und verbannt hast. Aber sie leben noch und irgendwann kommt der Tag der Rache! Dann wird alle Welt erkennen, dass du in Wirklichkeit die böse Hexe Zerke bist, aus den giftigen Finstersümpfen von Schwarzborke hinter den leblosen nördlichen Dunkelwäldern. Und dann wird Astra­lorn wieder von dir befreit. Wehe diesem Tag der Rache, ab­scheuliche Hexe!“

Mit diesen Worten hob Ozdamontraz den Zauberstab und es blitzte erneut im Saal, ähnlich wie zuvor bei dem Zauber mit dem Feuerball, und als man einen Augenblick später wieder se­hen konnte, war der Zauberer verschwunden. An seiner Stelle brannte auf dem Holzboden in magischen schwarzen Flam­menzungen ein umgedrehtes Pentagramm, das Todeszeichen des Schwarzen Greifen. Er aber war unauffindbar!

Die Königin stieß einen widerlichen und hasserfüllten Schrei aus, der nicht wie von einem Menschen klang, sondern wie von der widerlichsten Dämonenbestie, die man sich nur vorstellen konnte. „Der Unhold soll für immer auf seinem ekel­haften Schloss der goldenen Sonne bleiben und dort bis in alle Ewigkeit verrotten!“, keifte Silviana. „Mein Fluch besiegelt dein Schicksal, schäbiger Zauberer!“ Dann verließ sie, umge­ben von knisternden schwarzmagischen Energien und gefolgt von ihren unheimlichen schwarzen Wächtergarden, schnellen und wütenden Schrittes den Saal.

Es erschien mir wie ein noch größeres Wunder, als alles was ich gerade gesehen hatte, dass wir den Palast danach unbe­helligt verlassen und zu unserem Lager vor der Stadt zurück­kehren konnten.

 

 

* * *

 

 

Ozdamontraz hatte nach unserer Ankunft vor Drossel einen Großteil seiner Habseligkeiten aus unserem gemeinsamen Wa­gen in seine Gemächer im Palast bringen lassen, wie ich ver­mutete, um sich dort auf seine Vorstellung vorzubereiten und eventuell, um dort noch länger zu residieren. Als ich abends nach seinem Verschwinden von der Bühne in unser Lager zu­rückgekehrt war, suchte ich sogleich nach etwas Interessantem in seinen verbliebenen Sachen, das mir vielleicht etwas mehr Aufschluss über sein geheimnisvolles Wirken geben konnte, doch ich fand nichts dergleichen. Vagerant, Pandalan und ande­re, die schon mehr Erfahrung mit den seltsamsten Gestalten und den unheimlichen Vorgängen in Astralorn hatten, waren fest überzeugt, dass wir Ozdamontraz nie mehr wiedersehen würden. Wer sich dem Willen Königin Silvianas widersetzte – und sei es auch der größte Zauberer der Welt –, der starb für gewöhnlich einen grausamen Tod, wenn er es nicht schaffte, so weit wie irgend möglich vor ihr zu fliehen und sich dann für immer von Astralorn fernzuhalten. Und selbst dies soll nur we­nigen jemals gelungen sein, ohne dass sie ihre bösen Mächte verfolgt und erbarmungslos vernichtet hätten.

Wenn er mehr Glück als Verstand hat“, sagte Pandalan, „dann hat er sich auf sein mystisches Schloss der goldenen Sonne retten können und bleibt für immer dort.“

Wo liegt dieses seltsame Schloss?“, fragte ich, denn ich hatte zwar schon früher flüchtig davon gehört, doch nicht wei­ter darüber nachgedacht, was es damit auf sich haben mochte, bis auch Königin Silviana es in ihrem Fluch über Ozdamontraz erwähnt hatte.

Das weiß keiner“, antwortete der Schauspieler. „Wahr­scheinlich handelt es sich dabei nur um eine alte Legende. Ich glaube kaum, dass dieses Schloss überhaupt existiert. Es gab jedoch immer schon Gerüchte, dass der Zauberer von diesem magischen Schloss der goldenen Sonne in einem unbekannten fernen Land stammte, bevor er einst an den Hof von Astralorn kam und somit in die Gefilde, die wir kennen.“

Vergiss diesen Unsinn, Junge“, warne Direktor Vagerant. „Ozdamontraz hat den Bogen bei der Königin ganz gewaltig überspannt. Diesen närrischen Zauberer sehen wir nie wieder. Wir können nur hoffen, dass unser Unternehmen weiter unbe­helligt bleibt, nach diesem Desaster. Hier wimmelt es überall nur so von schwarzen Wächtergardisten und die können mit uns machen, was immer sie wollen. Wäre es nicht um so ver­dächtiger, dann würde ich am liebsten sofort aufbrechen und künftig einen großen Bogen um Drossel und das ganze Zentral­gebiet von Astralorn machen.“

Es ist hier in letzter Zeit wirklich äußerst gefährlich und unheimlich geworden, schlimmer als jemals zu vermuten war“, bestätigte Pandalan. „Lass dir bloß nichts von deiner Freund­schaft zum Zauberer anmerken!“

Und was hat es mit dem Zeichen auf sich, das bei seinem Verschwinden zurückblieb?“, versuchte ich noch einmal vor­sichtig nachzufragen, ohne einen Hinweis auf mein früheres Erlebnis mit dem Zauberer und dem Schwarzen Greifen zu ge­ben, von dem ich selbst noch nicht genau wusste, ob es Wirk­lichkeit oder Traum gewesen war.

So etwas geht uns Spielleute nichts an“, sagte Vagerant missmutig. „Es ist besser, wir machen uns darüber keine unnö­tigen und gefährlichen Gedanken, wenn wir uns nicht den Zorn der Königin, der Wächtergarden und das Adels zuziehen wol­len.“

Aber es ist äußerst seltsam“, bemerkte Pandalan. „Was sollte Ozdamontraz mit diesem Meuchelmörder zu tun haben? Wenn man im Volk von diesem Geschehen erfährt, werden die Spekulationen jedenfalls kein Ende mehr nehmen: Hat der Schwarze Greif den Zauberer beseitigt, im Auftrag der Königin oder eines Unbekannten, oder aber wollte Ozdamontraz damit alle verwirren und in die Irre führen, oder aber machen der Mörder und der Zauberer als Komplizen gemeinsame Sache, oder aber ist Ozdamontraz etwa selbst der Schwarze Greif!? Der größte Zaubermeister und der größte Meistermörder aller Zeiten ein und derselbe!? Was für eine Geschichte!“

Vergesst den Narren“, sagte Vagerant, „und schweigt über alles, was heute vorgefallen ist. Kein Wort mehr über ihn!“

So legte ich mich allein und voller Sorgen schlafen, als ich plötzlich ein leises Knarren an der Wagentür hörte. Ich richtete mich auf und dachte erst, Ozdamontraz wäre vielleicht zurück­gekehrt, doch dann befürchtete ich eine Kontrolle der grauen­haften schwarzen Wächtergarden. Schließlich erblickte ich aber einen dünnen weißhaarigen Mann, der leise herein schlich, und erkannte, dass es der alte Hofdiener war, der uns im Palast un­auffällig geleitet hatte.

Was wollt ihr hier?“, flüsterte ich.

Ich soll euch etwas geben“, sagte er leise mit besorgter Miene, als er vorsichtig näher kam. „Ich weiß nicht, was es ist, und ich will auch nichts mehr mit dem Ganzen zu tun haben. Aber dies ist mein letzter Dienst für einen alten verlorenen Freund.“

Daraufhin reichte er mir einen schwarzen Briefumschlag, in dem ein harter Gegenstand zu spüren war.

Lebt wohl“, flüsterte er und war schon wieder aus dem Wagen und in der dunklen Nacht verschwunden.

Ich schaute kurz hinaus, um mich zu vergewissern, dass keine unbekannten Gestalten in der Nähe waren, und schloss die Tür von innen ab. Dann zog ich die Vorhänge so gut es ging vor die Fenster und entzündete eine kleine Kerze. Ich öffnete den Umschlag, der fest zugeklebt war, mit einen dünnen Mes­ser und nahm ein Blatt Papier und einen eisernen Schlüssel her­aus. Der Umschlag war innen mit schwarzer Seide ausgekleidet und auf dem edlen weißen Briefpapier stand in eleganter schwarzer Handschrift: Du wirst wissen, wozu der Schlüssel passt, wenn du sein Schloss findest. Doch bewahre ihn gut, denn Feinde lauern überall! Darunter war, anstatt einer Unter­schrift, ein kleines umgedrehtes Pentagramm auf das Blatt ge­zeichnet. Ich betrachtete den Schlüssel und sah, dass sein Griff eine Adlerkralle darstellte. So wenig ich daran zweifeln konnte, von wem diese Nachricht und der Schlüssel stammten, so we­nig konnte ich ahnen, was das Ganze zu bedeuten hatte, was ich damit anfangen sollte und welche Abenteuer und Gefahren noch auf mich warteten.

 

 

* * *

 

 

Drei Tage nachdem wir Drossel verlassen hatten und auf einer einsamen Landstraße nach Süden unterwegs waren, tauchten am Horizont plötzlich die königlichen schwarzen Wächtergar­den auf. Man wollte die beliebten Spielleute von Kamarah viel­leicht nicht in der Hauptstadt angehen, wo sie vom Volke wo­chenlang gern gesehen und bejubelt worden waren. Dies hätte zwar eine weitere erwünschte Abschreckung, aber auch leicht ein Umschlagen in blanken und offenen Hass gegen die Köni­gin und den Hochadel bewirken können. Wenn Silviana ge­dachte, ihr Volk weiterhin mit Zuckerbrot und Peitsche bei der Stange zu halten, dann war es wohl angebrachter, die mögli­chen Verbündeten des Zauberers Ozdamontraz ohne großes Aufsehen zu beseitigen, nachdem sie ihren Zweck zur Belusti­gung der Leute bereits erfüllt hatten. Und wenn man sah, wie die schwarzen Wächtergarden in diesem Falle vorgingen, konn­te man sehr gut verstehen, dass dabei keine Zeugen und dar­über keine genauen Berichte erwünscht waren.

Ich weiß nicht, wer die schwarzen Wächter zuerst gesehen hatte. Jedenfalls gingen die entsetzten Rufe durch den ganzen Wagenzug, wir hielten an und ich richtete mich auf dem Kutschbock auf, um Ausschau zu halten. Ich sah die schwarzen Ritter von einer Anhöhe schnell herab reiten, ihre großen schwarzen Pferde donnerten mit den mächtigen Hufen wie Feuerrosse aus den Untiefen der Flammenhölle über die beben­de Erde auf uns zu. Es war sofort klar, dass jede Gegenwehr sinnlos war. Etwa dreißig schwarze Reiter kamen mit stähler­nen schwarzen Schwertern, gewaltigen Streitäxten und langen brennenden Fackeln auf die Spielleute zugestürmt, um alle zu töten. Unter ihren schwarzen Helmen in den blei­chen leblosen Gesichtern glühten die blutroten Augen, und ich hatte nicht mehr den geringsten Zweifel, dass uns leibhaftige Dämonen angriffen, um uns alle bestialisch abzuschlachten.

Ich sprang von grenzenloser Panik getrieben auf eines der beiden Pferde, die unseren Wagen gezogen hatten, löste eilig sein Zaunzeug ab und trieb es zu dem wildesten und schnells­ten Galopp an, den ich jemals geritten war. Hinter mir hörte ich die Schmerzensschreie der Geschlachteten und sah aus den Au­genwinkeln, dass die Wagen alle angezündet wurden. Als ich einige hundert Meter entfernt war, wagte ich es erstmals, mich richtig über die Schulter umzublicken, und da sah ich, wie die schwarzen Reiter im Kreis um den in lodernden Flammen auf­gegangenen Wagenzug herum ritten, während einige Wächter noch vereinzelten fliehenden Menschen nachsetzten, die wie ich zunächst dem Ansturm entkommen waren, und sie mit hef­tigen Schwertstreichen vom Pferderücken aus abschlachteten oder einfach mit gewaltigen stählernen Hufen zu Tode trampel­ten. Große schwarze Rauchwolken stiegen über dem Ort des Grauens in den kalten Himmel auf und der Gestank nach Blut und Tod, nach Feuer und brennendem Fleisch wurde vom star­ken Wind bis zu mir herüber getragen. Offenbar sollte nichts von den unglücklichen Opfern übrig bleiben, wenn die Wäch­tergarden ihr Tötungswerk vollbracht hatten, deshalb wurde al­les verbrannt. Dann bemerkte ich, dass sich drei schwarze Rei­ter von ihrer Truppe lösten und schnell in meine Richtung rit­ten, sodass ich mein Pferd weiter im Galopp antrieb, mich fest an seinen Hals drückte und nur noch voller Angst auf den Bo­den vor mir starrte.

Ich war so lange und schnell geritten, wie ich konnte, bis das Pferd schlapp machte und ich mich kaum mehr im Sattel halten konnte. Irgendwann fand ich mich in einem dunklen Wald wieder und sank erschöpft und schweißgebadet aus dem Sattel zu Boden. Von den schwarzen Wächtern war nichts mehr zu sehen, aber das geschwächte Pferd war immer noch in heller Panik, lief ein Dutzend Schritte weiter und fiel dann erschöpft um. Es wieherte noch einmal schmerzerfüllt, erhob noch ein­mal schwach den Kopf und starb. Die glasigen toten Augen des Tieres starrten mich an, als ich mich selbst nur noch notdürftig hinter einen dicken Baumstamm ins Unterholz schleppen konn­te und ebenfalls das Bewusstsein verlor.

Als ich irgendwann wieder erwachte, war es tiefste Nacht und ich konnte durch die Baumwipfel einen Teil des dunklen Himmels und des weißen Vollmondes erblicken. Ich stand auf und wollte weitergehen, als ich plötzlich aus allen Richtungen ein unheimliches Rascheln und Rauschen hörte und ein eisiger gespenstischer Wind aufkam. Ich lief weiter und gelangte bald auf eine kleine Lichtung, darüber war der riesige weiße Voll­mond nun in seiner runden Gänze zu erkennen. Ich starrte kurz, wie von dem bleichen Himmelskörper verzaubert, zum Nacht­himmel hinauf und als ich wieder vor mich in den Wald blickte, hatten mich drei schwarze Wächter im Kreis umstellt, starrten mich böse an und erhoben ihre Schwerter. Lähmende schwarz­magische Energien gingen von den finsteren Gestalten und ih­ren feuerroten Todesaugen aus. Ich war mir jetzt völlig sicher, dass dies keine Menschen waren, sondern dass finstere Dämo­nen langsam auf mich zukamen, um meinen Leib zu zerfetzen und meine Seele in ewige Qual zu stürzen.

In diesem Augenblick kam ein anderer seltsamer Wind auf. Wie aus dem Nichts erschienen mächtige dunkle Schwingen über der Lichtung und ein großes geflügeltes Wesen machte sich wütend flatternd über die Gardisten her. Lange scharfe Ad­lerkrallen zertrümmerten die schwarzen Helme und zerschnit­ten die bleichen Schädel der dunklen Ritter wie faule Äpfel. Der Schwarze Greif beugte sich über seine drei Opfer und hackte mit seinem monströsen Schnabel zu, um zu vernichten und um zu fressen. Er riss den Wächtern Fleischfetzen, Gedär­me und Knochen heraus und verteilte sie über den Boden, bis sich schwarzmagische Energien aus den drei geschlachteten Leibern ergossen, ein elektrisches Knistern einsetzte und sich ein abscheulicher Gestank nach heißem Metall und Schwefel­dämpfen auf der Lichtung ausbreitete. Schließlich zersetzten sich die Dämonenleiber völlig, ähnlich wie unglaublich schnell verwesende oder von Maden und Würmern verzehrte Fleisch­abfälle, und waren vom Erdboden verschwunden.

Nun wandte sich der Schwarze Greif mit seinem gewalti­gen Haupt zu mir um und ich hatte tausendmal mehr Angst vor ihm als zuvor vor den schwarzen Wächtergardisten und dem scheinbar sicheren Tod. Seine großen starren Adleraugen schie­nen unendliche Räume und Zeiten, ja, alle schwarzen Untiefen des ganzen dunklen Universums in sich zu bergen. Er kam langsam auf mich zu, bewegte seinen Kopf und öffnete seinen krummen Schnabel.

Was hast du mit diesem Abschaum aus den Finstersümp­fen zu schaffen?“, fragte er mit einer bedrohlichen tiefen Stim­me. „Soll ich dich jetzt auch verspeisen?

Sie haben mich verfolgt“, brachte ich verängstigt hervor. Dann fiel mir mein früheres Erlebnis ein, als ich Ozdamontraz beobachtet hatte, in einer Vollmondnacht auf einer Waldlich­tung ganz wie dieser. Ich griff in meine Tasche und zog den Schlüssel mit der Adlerkralle heraus, um ihn dem Unwesen vorzuhalten.

Ich bin ein Freund des Zauberers Ozdamontraz“, sagte ich. „Diesen Schlüssel hat er mit geschickt, um damit für ihn zu handeln.“

Dieser Zauberer war ein Narr“, sagte der Greif. „Ozda­montraz ist feige auf das Schloss der goldenen Sonne geflohen und kann woanders nichts mehr ausrichten, bis einmal ein an­derer mit einer ungleich größeren Macht kommt, um ihn aus seinem Schloss und wieder gegen diese Hexe zu führen. Doch dieser Tag ist wahrlich fern, wenn er überhaupt jemals eintre­ten sollte.“

Kannst du mir sagen, was ich mit dem Schlüssel anfangen soll?“, fragte ich. Ich wollte ihn von dem Gedanken abbringen, mich ebenfalls zu vernichten, und wenn ich seine seltsamen Reden auch kaum verstand, so fühlte ich mich jedenfalls darin bestätigt, dass der Schwarze Greif in einer besonderen Bezie­hung zum Zauberer gestanden hatte.

Weiß der Geier“, sagte der Greif und schien fast belustigt, hätte er nicht eine Aura von absoluter dunkler Macht und ewi­ger mystischer Existenz ausgestrahlt, die mir fast den Atem raubte. „Er hatte wohl noch etwas mit dir vor. Da er vorerst nicht mehr gegen die Zauberin kämpfen konnte, hat er diesen Schlüssel an dich weitergereicht. Künftig wirst du bei den Menschen die Taten ausführen, die man dem geheimnisvollen Schwarzen Greifen zuspricht.“

Wie könnte ich das jemals tun?“, fragte ich entsetzt. „Ich habe keine Ahnung von solchen Dingen.“

Du hast von ihm schon einiges dafür gelernt, vielleicht ohne es zu merken“, behauptete der Schwarze Greif. „Bald wird deine Ausbildung vollendet und dann wirst du meine menschliche Schwarze Hand. Von Zeit zu Zeit werde ich dich aufsuchen wie zuvor Ozdamontraz und davor viele andere. Ich selbst lebe von Ewigkeit zu Ewigkeit, doch der Schlüssel mei­nes Schwarzen Ordens wird von Zeit zu Zeit unter den sterbli­chen Menschen weitergereicht. Du wurdest auserwählt, von Ozdamontraz und von mir, und somit bist du jetzt an der Reihe, ob du willst oder nicht.“

Was ist denn überhaupt der Sinn deines Schwarzen Or­dens?“, fragte ich in völliger Verwirrung ob der Ausführungen des Unwesens.

Töten“, sagte der Schwarze Greif. „Du tötest für deine Auftraggeber und von denen wirst du im Hochadel mehr als genug finden. Denn bei den Reichsoberen kann niemand sei­nesgleichen einfach willkürlich durch Befehl beseitigen, wie man es mit unliebsam gewordenen Untergebenen oder wider­spenstigen Untertanen für gewöhnlich macht. Nur die Königin hat keinen Gleichgestellten in Astralorn und kann deshalb mit ihrer Macht gleichsam tun und lassen, was sie will, frei über Leben und Tod gebieten. Du tötest also, wenn man dich dafür fürstlich bezahlt, völlig gleichgültig, wer gerade als dein un­glückliches Opfer bestimmt wird. Damit gewinnst du den bes­ten Einblick und geheimen Zugang in die Regierungskreise des Hochadels. Aber eigentlich dienst du dem Schwarzen Orden. In Wirklichkeit bist du meine menschliche Schwarze Hand. Und unser Ziel ist es in diesen Zeiten unter anderem, die bösartige Königin Silviana von Astralorn zu bekämpfen, sie zu vernich­ten und damit ihre grauenhafte Tyrannei zu beenden, denn sie ist in Wirklichkeit die böse Hexe Zerke aus den giftigen Fins­tersümpfen hinter den leblosen nördlichen Dunkelwäldern, wie du vielleicht bereits von Ozdamontraz weißt.

Warum vernichtest du sie nicht einfach mit deiner un­glaublichen Macht?“, wollte ich wissen. „Was könnte ich denn jemals dazu beitragen?“

Die Dinge sind oftmals nicht so einfach, wie sie scheinen“, sagte der Greif. „Die Zauberin Silviana will die ganze Welt be­herrschen und damit würden Mensch und Natur ewiglich den Mächten des absoluten Bösen anheim gegeben. Dagegen wen­det sich nun der Schwarze Orden. Wenn man es aber mit mäch­tigen Dämonen und unsterblichen Wesen oder Unwesen zu tun hat, sind manchmal ungewöhnliche Wege und besondere Taten eines Menschen erforderlich, um den Lauf der Welt zu beein­flussen. Wir wissen es noch nicht genau, aber vielleicht kannst du eine kleine nicht unbedeutende Rolle im ewigen Getriebe des Weltgeschehens spielen. Bis dahin tust du, was dein Schicksal eben für dich bereithält, genauso wie Ozdamontraz und andere zuvor. Die Macht, die du dafür erhältst, sollte dich für alle Widrigkeiten entschädigen. Auf bald!“

Mit diesen Worten breitete der Schwarze Greif seine mäch­tigen Schwingen aus, stieß sich mit den kräftigen Beinen vom Waldboden ab und flog mit einem lauten Adlerschrei davon. Die Baumkronen in der Nähe rauschten noch kurz in dem kal­ten Flugwind im Schatten der gewaltigen Schwingen, aber dann sah es auf der kleinen Lichtung ganz so aus als wären we­der die dämonischen schwarzen Ritter, noch der mystische Schwarze Greif jemals dort gewesen.

Benommen von dem Erlebten, dass ich doch nicht ganz dem Reich der Träume und Illusionen zuordnen konnte, machte ich mich auf den Weg durch den Wald. Nach einiger Zeit er­reichte ich wieder den Waldrand und hatte keine Ahnung, in welchem Teil von Astralorn oder wo sonst ich mich inzwischen befinden mochte. Ich war kein geübter Wanderer, da ich bisher immer mit dem Wagenzug der Spielleute auf den entsprechen­den Straßen und Wegen gereist war, deshalb konnte ich mich in der Wildnis kaum an den nächtlichen Sternen oder irgendwel­chen Merkmalen der umliegenden Landschaft orientieren. Ich wollte jedenfalls um keinen Preis der Welt so bald wieder in den Machtbereich der bösen Zauberin Silviana und ihrer schwarzen Wächtergarden geraten, jedenfalls nicht, bevor ich nicht genaueres über den geheimnisvollen Schwarzen Orden und die unheimlichen Pläne des wirklichen Schwarzen Greifen wusste, in denen mir offenbar völlig gegen meinen eigenen Willen eine äußerst fragwürdige Rolle zugedacht war.

Nach einigen Stunden der einsamen Wanderung erblickte ich kurz nach Sonnenaufgang schließlich eine kleine einfache Holzhütte auf einer Anhöhe. Daneben grasten ein Dutzend Schafe friedlich auf der Wiese und in der Nähe scharten einige Hühner vor ihrem Stall. Als ich die Hütte erreichte und an die Tür klopfte, öffnete mir ein älterer grauhaariger Mann, offenbar der Schäfer, der einen einfachen braunen Kapuzenumhang trug und sich auf seinen langen Hirtenstab stützte.

Wohin des Weges?“, fragte er freundlich.

Das weiß ich selbst noch nicht genau“, antwortete ich.

Hier bist du sicherlich richtig“, sagte der Schäfer unter sei­nem grauen Bart hervor und bedeutete mir, in die Hütte einzu­treten. „Ich will dir gleich ein großes Glas mit guter frischer Milch bringen. Und eine richtige Mahlzeit kannst du auch be­kommen, wenn du bereit bist, hier etwas dafür zu arbeiten.“

Nur zu gerne“, versicherte ich und setzte mich erschöpft an den Holztisch in das recht ärmliche, aber gemütliche kleine Zimmer.

 

 

* * *

 

 

Einige Zeit lang weilte ich bereits bei dem alten wortkargen, aber freundlichen Schäfer Makros und half ihm bei den alltäg­lichen Arbeiten. Seine Hütte lag gut versteckt in einer abgele­genen und so gut wie nie besuchten Gegend von Astralorn, so­dass sie wie für mich geschaffen war und ich mich hier vorerst vor den königlichen Garden sicher fühlte.

Eines Abends schickte Makros mich zu ungewöhnlich spä­ter Stunde zum Holzholen in den nahe gelegenen Wald, da er am Tage vergessen habe, den Vorrat an Brennholz aufzusto­cken. Ich dachte mir zunächst nicht viel dabei, schulterte die Axt und wanderte los. Als ich im Wald ankam und an einer ge­eigneten Stelle anfing, Holz zu hacken, brach bereits die Abenddämmerung herein und es wurde schnell dunkel in einer mondlosen Nacht. Der düstere Himmel war wolkenverhangen, es begann zu regnen und ich bemerkte, dass bald ein Gewitter ausbrechen würde. Deshalb wollte ich mit dem bereits gefällten und gesammelten Holz zu unserer Hütte zurückkehren und für den übrigen Vorrat am nächsten Tag bei besserem Wetter wei­termachen. Als ich das Holz zum Abtransport zusammen band, hörte ich jedoch ein unheimliches Rascheln im Wald. Ich blick­te mich erschrocken um und sah, dass ich von mehreren riesen­großen Schattenwölfen umzingelt war, die mich aus blutunter­laufenen Augen bösartig anstarrten. Diese tiefschwarzen Un­wesen waren kaum mit gewöhnlichen Wölfen geschweige denn mit unseren gezüchteten und hörigen Haus- und Hütehunden zu vergleichen, sondern sie waren größer und stärker als Löwen und strahlten eine ungeheure dunkle Energie von abgrundtiefer Bosheit aus. Mindestens drei Schattenwölfe erkannte ich, die ihre langen spitzen Fangzähnen in ihren monströsen Schnauzen fletschten und sich grimmig knurrend auf mich zu bewegten.

Einer der Schattenwölfe schnellte vor und erreichte mich als erster, während ich verzweifelt meine Axt erhob, um mich zu verteidigen. Ich erwischte das Unwesen am Hals und war selbst überrascht, dass die Klinge schwer und scharf genug war, um ihm eine tiefe Fleischwunde zu schlagen, aus der er kräftig blutete. Diese Wunde stachelte den Schattenwolf aber nur um so mehr an und jetzt kamen mehrere blutrünstige Raub­tiere gleichzeitig böse knurrend auf mich zugeschnellt, um mit ihren grausigen Mäulern nach mir zu schnappen. Ich rechnete mir keine Überlebenschancen aus, hielt die Holzfälleraxt je­doch erneut bereit, um mein Leben so teuer wie möglich an die dämonischen Schattenwölfe zu verkaufen. Diesmal erwischte ich einen der Angreifer direkt von vorne im Gesicht, sodass die Axt seine widerliche Schnauze völlig zerschmetterte. Blut, Fleischfetzen, Zähne, Kiefer- und Schädelknochen wurden in alle Richtungen geschleudert und das monströse Raubtier wand sich bald auf dem Boden, wo es blutend und grauenhaft zu­ckend verstarb. Die anderen Schattenwölfe hatte mich gemein­sam angesprungen, aber bei ihrem gleichzeitigen Angriff alle­samt um Haaresbreite mit ihren tödlichen Klauen und Schnau­zen verfehlt. Als sie nun ihren geschlachteten Artgenossen be­trachteten, schien sie etwas mehr Respekt vor ihrem vermeint­lichen Opfer zu erfassen. Sie knurrten und heulten grauenhaft und schlichen lauernd um mich herum. Ich nutzte instinktiv diese Verschnaufpause, sammelte alle Kraft, holte tief Luft und erhob wiederum die blutverschmierte Axt. Wild stürmte ich auf einen meiner Feinde zu und schlug nach ihm. Das Untier konn­te ausweichen, aber ich erwischte ihn noch am Hinterbein, so­dass er dort verletzt wurde und heftig blutete, während ich mich aus der Umzingelung befreit hatte und nun versuchte, da­von zu laufen.

Ich lief blindlings so schnell ich konnte durch den Wald und hörte hinter mir die heulenden Schattenwölfe. Eigentlich konnte ich nicht ernsthaft hoffen, schneller als diese Bestien zu sein und ihnen irgendwie zu entkommen. Doch mir schien, dass sie nach meiner ungeahnten Gegenwehr, mit der ich einen getötet und zwei verletzt hatte, zunächst noch weitere ihrer grauenhaften Artgenossen herbeirufen wollten, um mich dann alsbald irgendwo im Wald aufzuspüren und mir grausam den Garaus zu machen. Ihrer Witterung, ihrer Schnelligkeit und schließlich ihrer wilden Übermacht konnte ich niemals ent­kommen, wenn sie mich erst einmal mit einer größeren Meute eingeholt und gestellt hatten. Wie überrascht war ich deshalb, dass ich mich bis zum Waldrand durchschlagen konnte und, ohne bewusst diese Richtung gewählt zu haben, genau auf je­nem Weg den Wald verließ, der zurück zur Schäferhütte führte. Jetzt erkannte ich die Gegend wieder und lief weiter über die freien Felder und Hügel. Seltsamerweise schöpfte ich auf dem vertrauten Weg etwas verzweifelte Hoffnung, dabei wusste ich doch, dass ich hier im offenen Gelände ein noch leichteres Ziel für meine grausigen Verfolger abgeben musste. Bald hörte ich wieder Heulen und Knurren hinter mir und sah aus den Augen­winkeln, dass mir nun wohl ein Dutzend Schattenwölfe dicht auf den Fersen waren. Ich erreichte verzweifelt die kleine Hüt­te, stürmte hinein und verschloss die Tür hinter mir. Dabei wur­de mir schlagartig bewusst, dass ich die wilden Unwesen in meiner Unbesonnenheit nun zum alten Makros und seinen wehrlosen Tieren geführt hatte und dass dies letztlich unser al­ler Ende bedeuten musste.

Makros war nicht in der Hütte. Ich verbarrikadierte die Tür und die Fenster und suchte nach weiteren Gegenständen, die ich neben der Axt eventuell als Waffen einsetzen konnte. Dabei fiel mir auf, dass der einfache Jagdbogen verschwunden war. Ich musste also annehmen, dass Makros bei Einsetzen des Ge­witters damit aufgebrochen war, um nach mir zu suchen und mich zurückzuholen. Vielleicht würde er somit doch verschont werden. Inzwischen hatten die Schattenwölfe die Hütte erreicht und ich konnte ihr grausames Knurren und bald darauf die To­desschreie der gerissenen Schafe und das panische Gegacker der todgeweihten Hühner hören. Nachdem die Raubtiere aus­giebig getötet und gefressen hatten, wurde es beängstigend still vor der Hütte. Ich war jedoch sicher, dass die Schattenwölfe dort auf mich lauerten, denn obwohl sie von den Schafen satt sein mochten, konnten ihre Blutlust und ihr Hunger nach Men­schenfleisch niemals gestillt werden. Schweißgebadet wachte ich lauschend an einem Fenster, die blutige Axt im Anschlag. Der Sturmwind, das Donnern und der Regen, der auf die Hütte und die Wiesen prasselte, wurden gelegentlich von einem un­heimlichen Heulen der Schattenwölfe durchsetzt.

Als der Morgen graute, schob ich vorsichtig einen Fenster­laden einen Spalt weit auf, um hinaus zu blicken. Sogleich schnellten eine große Schnauze mit spitzen Zähnen und eine mächtige Wolfspranke durch das Holz und zerfetzten es. Ich wich blitzschnell zurück, holte mit der Axt aus und schlug mit aller Kraft zu. Dabei traf ich den Vorderlauf und trennte dem Schattenwolf seine krallenbewehrte schwarze Pfote ab, die her­unter fiel und blutend über den Boden rollte. Er wich krei­schend zurück und ich versuchte das Fenster wieder notdürftig zu verbarrikadieren. Doch jetzt gab es keine wirkliche Hoff­nung mehr. Ich hörte die blutrünstige Meute von Schattenwöl­fen um die Hütte herum schleichen. Sie brauchten bloß durch die Fensterläden und die Holzwände zu brechen und ich war ihnen ebenso ausgeliefert wie zuvor die Schafe und Hühner. Mit der Axt in der Hand wartete ich auf den sicheren Tod.

Da hörte ich vor der Hütte plötzlich lauteres Knurren und andere Geräusche. Ich sah wieder aus dem Fenster und be­merkte den Grund für die Veränderung. Vielleicht fünfzig Me­ter entfernt stand eine kleine Gestalt in braunem Umhang mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze. Sie richtete Pfeil und Bogen auf die Schattenwölfe und schoss einen Pfeil nach dem andern auf sie ab. Die Bestien wandten sich von der Hütte ab und die­sem unerwarteten Angreifer zu. Sie liefen auf ihn zu, doch da hatte er schon vier von ihnen mit Pfeilen in die Köpfe getrof­fen. Offenbar waren die Pfeile von besonderer Stärke und wur­den außergewöhnlich schnell und gezielt abgefeuert, denn die vier getroffenen Wölfe fielen sofort tot um, wie es bei norma­len Pfeilen niemals vorstellbar gewesen wäre. Noch drei weite­re Wölfe fällte der Bogenschütze in ihrem wilden An­sturm, aber dann waren die fünf übrigen Raubtiere so dicht bei ihm, dass er nicht mehr zielen konnte. Er musste im nächsten Au­genblick von den riesigen Unwesen zerfetzt werden. Stattdes­sen ließ er den Bogen fallen und griff blitzschnell nach ei­nem langen Stab. Er teilte ihn in der Mitte, zog ihn auseinander und hielt nun zwei dünne Stockdegen in den Händen. Damit fuch­telte er blitzschnell herum, während er den Angriffen der Wölfe leichtfüßig und elegant wie ein Tänzer auswich, und fügte ih­nen zahlreiche Schnittwunden zu, streckte sie einen nach dem anderen mit gezielten Streichen durch ihre Kehlen nieder, bis nur noch ein Schattenwolf übrig war. Ich war inzwischen her­bei gelaufen, um dem Mann beizustehen. Nun erhob ich wieder die Axt und ließ sie mit aller Kraft von hinten auf den Nacken des letzten Wolfs niedergehen. Ich schlug ihm eine tiefe Fleischwunde, brauchte aber noch zwei weitere gezielte Hiebe in das Genick, um ihn endgültig zu töten. Dann sank er leblos neben die Überreste der übrigen geschlachteten Meute nieder.

Vielen Dank für deine Hilfe“, sagte der Mann, steckte die beiden Stockdegen wieder zu dem langen Hirtenstab zusam­men und nahm seine Kapuze ab. Makros grinste mich belustigt und fröhlich an und hob seinen alten Jagdbogen auf. „Lass uns die Pfeile wieder einsammeln“, sagte er. „Ihre Machart und ih­ren Stahl findet man nur selten.“

So erfuhr ich auf etwas unliebsame Art, dass ich bei Ma­kros meine Ausbildung für den Schwarzen Orden fortsetzen sollte. Da mein neuer Lehrmeister nun keine Schafe und Hüh­ner mehr besaß, packten wir unsere wichtigsten Sachen zusam­men und begaben uns auf eine lange Wanderung den großen Fluss hinab.

 

 

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IM ZEICHEN DES 

SCHWARZEN GREIFEN

 

Der junge Tatros lebt bei den fahrenden Spielleuten von Kamarah. Eines Tages geschieht während ihrer Vorstellung ein spektakulärer Mord, der die Handschrift des legendären Meistermörders trägt, den man als Schwarzen Greifen kennt. Als der berühmte Zauberer Ozdamontraz sich zu den Spielleuten gesellt, entdeckt Tatros seltsame Verbindungen zum Schwarzen Greifen. Bald kommt es zu einem erneuten Aufsehen erregenden Vorfall bei einer Zaubervorstellung des Ozdamontraz am Hofe der grausamen Königin Silviana von Astralorn. Tatros gerät immer tiefer in ein gefährliches Spiel dunkler und dämonischer Mächte. Das Schicksal des Jungen scheint auf unheimliche Weise mit dem Schwarzen Greifen und seinem geheimnisvollen Schwarzen Orden verknüpft.

Sonderausgabe des Ersten Teils „Der Ursprung einer dunklen Legende“ des Fantasy-Romans „Im Zeichen des Schwarzen Greifen“ von David Perteck.

 

 

 

 


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